„Aufhören – jetzt. Und dann?"

Bei der 14. Zukunftswerkstatt in Augsburg ging es um Exnovation, den Mut zum bewussten Beenden und die Frage, wie Kirche durch Loslassen aktiv handlungsfähig bleibt. Etwa 70 Haupt- und Ehrenamtliche arbeiteten 24 Stunden lang an konkreten Fragen kirchlicher Transformation.
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Folie mit Schriftzug "Exnovation" von Präsentation Prof. Dr. Sandra Bils
Keynote von Prof. Dr. Sandra Bils zum Thema „Exnovation und ihre Chancen“

Offen, beweglich und hoffnungsvoll

Was, wenn die Zukunft der Kirche nicht nur davon abhängt, was neu beginnt – sondern auch davon, was wir lassen? Unter dem Titel „Aufhören – jetzt. Und dann?" lud die 14. Zukunftswerkstatt am 12. und 13. Juni 2026 nach Augsburg ein. Im Mittelpunkt stand Exnovation: das bewusste Beenden von Strukturen, Angeboten, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten, die einmal getragen haben, heute aber Kraft binden.

Die Zukunftswerkstatt wurde vom Landeskirchenamt veranstaltet gemeinsam mit der Wirkstatt evangelisch. Eingeladen waren ehrenamtliche und hauptberufliche Mitarbeitende, Kirchenvorstände, Dekanatsausschüsse und Teams aus kirchlichen Arbeitsfeldern. Gerade für Leitungsgruppen wurde deutlich: Aufhören ist keine Randfrage, sondern eine zentrale geistliche, organisatorische und kommunikative Aufgabe.

Weniger ist nicht automatisch Mangel

Zum Auftakt führten drei kurze Keynotes in das Thema ein. Dr. Hagen Fried gab unter dem Titel „Einsichten in das Schrumpfen von Organisationen" Impulse aus Forschung und Organisationsentwicklung. Dabei wurde deutlich: Viele Organisationen erleben Schrumpfung zunächst als Kränkung. Gleichzeitig kann ein geplanter, gestalteter und ehrlich kommunizierter Umgang mit weniger Ressourcen neue Klarheit schaffen.

„Drop your tools" – Mut zum Loslassen

Prof. Dr. Sandra Bils sprach über „Exnovation und ihre Chancen". Sie lenkte den Blick auf die entscheidende Unterscheidung: Mutiges Aufhören ist etwas anderes als resignierter Rückzug. Exnovation fragt nicht nur: Was können wir uns noch leisten? Sondern: Was trägt wirklich? Was bindet Kräfte, die an anderer Stelle gebraucht werden? Und wie gestalten wir Abschied so, dass Dank, Schmerz und Hoffnung ihren Raum bekommen?

Einprägsam wurde das mit dem Satz „Drop your tools" – lass deine Werkzeuge fallen. Bils griff damit auf eine klassische Fallstudie des Organisationspsychologen Karl Weick zurück: Bei einem Waldbrand in Montana 1949 starben fast alle Feuerwehrmänner einer Eliteeinheit, weil sie ihre schwere Ausrüstung auf der Flucht nicht losließen. Nur der Anführer, der sie fallen ließ, überlebte. Weicks Lehre: In der Krise halten Organisationen oft genau an dem fest, was ihnen schadet. Für die Kirche lautet die Frage: Welche Strukturen und Formate tragen wir noch mit, obwohl sie uns bremsen?

Daniela Mailänder brachte mit dem Thema „Wirkungsorientiertes Handeln" eine weitere Perspektive ein. Wer vom Ergebnis her denkt, muss sich auch fragen, welche Wirkung kirchliches Handeln tatsächlich entfaltet – und wie Wirkungsmessung vom Kontrollinstrument zu einem gemeinsamen Lernprozess werden kann.

Abschied braucht Sprache, Rituale und Beteiligung

Schon der Einstieg machte deutlich, wie persönlich das Thema ist. In Gesprächen arbeiteten die Teilnehmenden mit Fragen wie: Welche Gewohnheit würde ich sofort weglassen, wenn ich könnte? Was tue ich beruflich immer noch, obwohl ich weiß, dass es keine Zukunft hat? Und was würde ein Museum im Jahr 2046 hoffentlich aus unserem heutigen Arbeitsalltag ausstellen?

Am Freitagabend vertieften Kurzinterviews mit Menschen aus der Praxis das Thema. Berichtet wurde von Reformprozessen in der Evangelischen Jugend, von Veränderungen auf Dekanatsebene, von geistlicher Begleitung – und von einem konkreten Abschied: der Entwidmung der evangelischen Friedenskirche in Dietfurt (Landkreis Neumarkt). Das 1969 erbaute Gebäude hatte am 7. Juni 2026 seinen sakralen Status verloren und wurde an einen privaten Investor verkauft. Pfarrerin Laura Poirot und eine Vertreterin des Kirchenvorstands berichteten, wie dieser Schritt vorbereitet, kommuniziert und gottesdienstlich begleitet wurde – und was er für die Gemeinde bedeutet. Auch Veränderungen beim Sonntagsgottesdienst kamen zur Sprache. Dabei zeigte sich: Exnovation gelingt nicht allein durch Beschlüsse. Sie braucht gute Kommunikation, Beteiligung, Raum für Emotionen und Rituale, die das Gewesene würdigen.

In Workshops am Samstag wurde das Thema praktisch weitergeführt. Die Teilnehmenden arbeiteten unter anderem an Methoden für gelingendes Beenden, an Kriterien für gute Exnovationsentscheidungen, an Barrieren des Aufhörens und an der Kommunikation von Veränderungsprozessen. Auch das Kartenset „Weniger ist gut" wurde als Werkzeug vorgestellt, um in Teams und Gremien über Schrumpfung, Wandel und Neuausrichtung ins Gespräch zu kommen.

Konkrete Fragen aus der Praxis

Im Barcamp brachten die Teilnehmenden eigene Themen und Beispiele ein. Diskutiert wurden unter anderem Exnovation und Abschiedsrituale, Exnovation in Beratungskontexten, geistliche Begleitung von Transformationsprozessen, ehrliche Kommunikation in Schrumpfungsprozessen und die Frage, wie Emotionen in Veränderungsprozessen nicht übergangen werden.

Immer wieder wurde deutlich: Aufhören darf nicht als technokratisches Sparprogramm missverstanden werden. Wer kirchliche Exnovation ernst nimmt, muss theologisch fragen, kommunikativ sauber arbeiten und Menschen in ihrer Verbundenheit mit Orten, Formaten und Geschichten ernst nehmen. Es geht um eine Haltung der Demut – und um die Hoffnung, dass Loslassen nicht Leere bedeutet, sondern Raum für Neues öffnen kann.

Leichtes Gepäck für den Weg nach vorn

Am Ende standen keine einfachen Antworten, aber viele präzisere Fragen. Die Zukunftswerkstatt zeigte: Kirche braucht nicht nur Innovationsfreude, sondern auch Exnovationskompetenz. Sie braucht den Mut, Vertrautes dankbar zu verabschieden. Sie braucht Leitung, die Entscheidungen nicht vertagt. Und sie braucht geistliche Formen, die Abschiede begleiten.

„Aufhören – jetzt. Und dann?" wurde so zu mehr als einem Veranstaltungstitel. Es wurde zur Arbeitsfrage für eine Kirche, die mit leichterem Gepäck unterwegs sein will – offen, beweglich und hoffnungsvoll.
 

 

Exnovation: Wenn Aufhören zum Glaubenszeugnis wird

Interview mit Sandra Bils über den Unterschied zwischen mutigem Loslassen und resigniertem Rückzug – und darüber, was möglich wird, wenn Raum frei wird.

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Prof. Dr. Sandra Bils, Portrait
Prof. Dr. Sandra Bils

Prof. Dr. min. Sandra Bils (GFU) ist Theologin, Organisationsentwicklerin und gefragte Rednerin. Sie begleitet seit vielen Jahren deutschland- und europaweit Transformationsprozesse im strategisch-innovativen Bereich.

Wie unterscheiden wir mutiges Aufhören von resigniertem Rückzug?

Der Unterschied liegt grundlegend in Haltung und Richtung. Mutiges Aufhören ist eine bewusste Entscheidung, eben kein Ergebnis von Erschöpfung oder Scheitern. Es kommt nicht aus dem Gefühl, keine Wahl mehr zu haben, sondern aus mutigen und zukunftsgerichteten Frage: Was bindet Kräfte, die woanders gebraucht werden? Was hat seine Zeit gehabt und ist nun nicht mehr hilf- oder segensreich? 

Resignierter Rückzug ist hier ein klares Gegenteil, weil es auf Druck von außen reagiert und nur zurückschaut, anstatt neugierig und mutig die Zukunft gestalten zu wollen. Exnovation ermutigt zum hoffnungsgeleiteten Blick nach vorn und fragt, was möglich wird, wenn man etwas loslässt.

Wie gestalten wir Abschiede so, dass Dank, Schmerz und Hoffnung Raum bekommen?

Abschiede gelingen, wenn man ihnen Zeit und Form gibt. Das bedeutet somit nicht sang- und klanglos aufzuhören, nicht durch die Hintertür zu verschwinden, sondern stattdessen explizit im Dank zu verabschieden. Das bedeutet z.B. zu benennen, was war, den Gewinn, die Bedeutung, das Gute. Und dann Danke zu sagen. 

Dabei muss Trauer Platz haben, Schmerz und Emotionen dürfen sein, weil sie zeigten, was etwas wirklich bedeutet hat. Wer diesen Schmerz übergeht, produziert nur Widerstand. Solche ungeklärten Verluste kehren oft wieder, z.B. als Blockade, als Konflikt, als Rückzug. 

Auch wichtig ist, dass Ausblick und Zukunft eine konkrete Gestalt gewinnen können: Was entsteht, wenn Raum frei wird? Somit gehören Abschied und Aufbruch gehören zusammen.

Welche Kriterien braucht es, damit Aufhören zu einem geistlich verantworteten Transformationsprozess wird?

Die entscheidende Frage ist eigentlich eine theologische Grundfrage: Glauben wir uns unsere Auferstehungshoffnung wirklich? Vertrauen wir wirklich, dass auch in unserem praktischen kirchlichen Erleben auf Abschied Neubeginn folgt, so wie auf den Karfreitag der Ostermontag? 

Eine Kirche, die sich an dieser Hoffnung orientiert und sich davon in ihrer Grundhaltung inspirieren lässt, müsste eigentlich mutiger loslassen können als jede andere Organisation. Sie hätte einen Grund, Enden nicht nur zu ertragen, sondern ihnen zuzutrauen, dass in ihnen etwas anfängt - vielleicht auch sogar etwas, das wir in unseren Plänen und Visionen noch gar nicht auf dem Schirm hatten. Exnovation wäre dann kein Armutszeugnis und Scheitern sondern ein Glaubenszeugnis. Die Bereitschaft, Gott neugierig zuzutrauen, dass dort etwas wachsen kann, wo wir gerade Abschied und Enden gestalten nehmen. 

Das Kriterium ist also weniger eine Methode als eine Haltung: Vertrauen statt Kontrolle und Hoffnung statt Bestandssicherung. Wie würde unsere Kirchenentwicklung aussehen, wenn wir uns diese Hoffnung selbst glauben würden? 
 

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