Aufbruch Zukunft: Strategien für eine missionale Kirche

Minus fünfzig Prozent bei Personal, Geld und Mitgliedern: Vor diesem Befund suchte die Konferenz missionale Kirche 2026 in Pappenheim zwei Tage lang Strategien für eine Kirche, die weitergeht. Vom Netz des Fischers bis zum Schritt in den Jordan kam sie dabei vom Wasser nicht los. Eine Botschaft zog sich durch beide Tage: Die Zukunft gibt es nur mit nassen Füßen.
Bild
Teilnehmende der Konferenz Missionare Kirche stehen zusammen und diskutieren

Erst die Netze flicken, dann auswerfen und zuhören


Die Konferenz missionale Kirche 2026 in Pappenheim sucht zwei Tage lang Strategien für den kirchlichen Umbau und kommt dabei vom Wasser nicht los. Ein Rückblick.


Am Ende des ersten Konferenztages steht ein Bild, das eigentlich an den Anfang gehört. In der Abendandacht flickt ein Fischer seine Netze. Ein Gast steigt zu ihm ins Boot und redet auf ihn ein, doch der Fischer hört kaum hin, zu sehr ist er mit dem Netz beschäftigt. Erst als er sich auf den Gast einlässt und noch einmal hinausfährt, gelingt der Fang, der jahrelang ausgeblieben war. Es ist die Geschichte vom Fischzug des Petrus, und sie liefert die Stichworte für das, worum es an diesem Tag im Evangelischen Bildungszentrum Pappenheim ging: flicken, auswerfen, zuhören.
Eingeladen zur Konferenz unter dem Titel „Aufbruch Zukunft: Strategien für eine missionale Kirche” hat die Wirkstatt evangelisch gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB). Gekommen sind Menschen aus missionalen Netzwerken, aus Haupt- und Ehrenamt. Der Anlass ist ernst. Die Herbstsynode 2025 hat tiefgreifende Strukturveränderungen vorgezeichnet, und die Regionalgemeinde soll zum neuen Gestaltungsraum werden.
Den Nachmittag prägten mehrere Impulse. Im Zentrum stand Pfarrer Roland Kutsche, der für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens missionarische Projekte koordiniert und begleitet. Sachsen ist beim Mitgliederschwund einige Schritte weiter als Bayern, was seinen Blick von außen besonders wertvoll machte. Sein Modell „Kirche, die weiter geht” ruht auf drei Säulen: erproben, erlernen, ermutigen. Dazu stellte Tabea Schönfelder unter dem Titel „anders weitergehen” das „Jahr der Erprobung” vor, und Andreas Lau nahm die Beziehungsebene in den Blick. Was die drei zur Sprache brachten, lässt sich am Bild vom Fischer und seinen Netzen entlangerzählen.

Flicken. 

Womit man nicht anfangen sollte, war Kutsches erste Botschaft. Sie war so schlicht wie unbequem: nicht bei der Struktur beginnen, sondern beim Inhalt. „Start with why.” Zwei Sackgassen zeichnete er scharf nach. Lokal den „Kirchturm-Egoismus” nach dem Motto „Hände weg von unserer Gemeinde”, regional die bloße „Dehnung als Antwort auf Schrumpfung”. „Zentralisierung ist nicht die Lösung.” Selbstkritisch blickte er auf die eigene Landeskirche: „In Sachsen wurde sich zu wenig Zeit für Trauer und Würdigung gelassen.” Dass die Netze, die zuerst zu flicken sind, nicht nur die strukturellen sind, vertiefte Andreas Lau. Erst gelte es, Beziehungen aufzubauen und Konflikte zu lösen, dann die Struktur. „Bevor man etwas transformatorisch angeht, wird man Konflikte bewältigen müssen”, so sein Befund.

Auswerfen.

Geflickte Netze nützen nichts, wenn man sich nicht traut, sie wieder ins Wasser zu lassen. Wie dieser Mut konkret wird, zeigte Tabea Schönfelder am „Jahr der Erprobung”, einem Format, in dem Mitarbeitende Neues wagen dürfen. Ein kleines „Microabenteuer” machte das Prinzip greifbar: einen Weg wählen und dort eine Stunde lang Müll sammeln, allein oder zu zweit, sichtbar oder unbeobachtet. Erst das Erlebnis, dann die Haltung. „Erproben ist, wenn es anders weitergeht als in Jahr 1.0.” Was das mit Menschen macht, brachte eine Teilnehmerin auf den Punkt: „Ich habe mein eigenes Warum zu Mission gefunden.” Sie habe gelernt, aus der „christlichen Gemeinde-Blase” herauszukommen. Dieser Mut zum Erproben lebt von einer Haltung, die Kutsche „Fehlerfreundlichkeit” nannte.

Zuhören.

Bleibt das Wichtigste und zugleich das Unscheinbarste. Der vielleicht überraschendste Satz an einem Tag über Strategien fiel fast beiläufig: „Unter Stress hört keiner mehr zu, aber der größte Punkt auf der Agenda ist Zuhören.” Mission, mit den Worten von Rowan Williams, heiße ohnehin, herauszufinden, was Gott in dieser Welt schon tue, und sich daran zu beteiligen. Erst hinhören, dann handeln. Auch der Tag selbst war so gebaut. Er begann mit Live-Musik aus Gitarre, Violine und Cajon und einem geistlichen Impuls mit „Goldader-Karten”, einem Andachts-Kartenset aus Illustration und Gebetspoesie. Beim „World-Café im Kirche-Kunterbunt-Stil” ging es ins Thema, und die Frage „Mit welchem Hut bist du da?” machte sichtbar, wer die Konferenz eigentlich trägt. Den Abend füllte schließlich die „Candybar”. In drei Viertelstunden-Runden brachten jeweils acht Teilnehmende eigene Themen ein und markierten sie mit einem Candy als Erkennungszeichen. Wer wollte, ordnete sich der Nascherei der eigenen Wahl zu. Die Tagesordnung setzten an diesem Abend die Teilnehmenden selbst. Zuhören, in Methode gegossen.


Am Ende des ersten Tages steht damit alles beieinander: erst die Netze flicken, die strukturellen wie die der Beziehungen. Dann der Mut, sie wieder auszuwerfen. Und schließlich der Fang, der dem gelingt, der zuhört, was die Menschen wirklich brauchen
Zum Start in den zweiten Tag blieb das Bild am Wasser, nur saß jetzt nicht mehr ein Fischer im Boot, sondern ein ganzes Volk stand am Ufer. Im geistlichen Einstieg stand das Volk Israel am Jordan, an der Schwelle zum neuen Land, in dem die Früchte „in Hülle und Fülle” warten. Die Botschaft war unbequem ehrlich: Es komme eine herausfordernde Zeit, aber Gott gehe mit. Man werde nasse Füße bekommen, viele Fehler machen und oft scheitern, aber das ändere nichts daran, dass es der Weg sei. Und dann ein Wort, das schon den ganzen ersten Tag getragen hatte: „Wir brauchen Mut.”
Passend dazu sang die Band „Nasse Füße” von Johannes Falk. Es ist ein Bild, das beide Tage zusammenbindet: Wer fischen will, muss hinaus aufs Wasser, und wer ins neue Land will, muss durch den Fluss. Trockenen Fußes ist beides nicht zu haben.
Danach wurde es konkret. Kirchenrat Michael Wolf von der ELKB entfaltete, was die Regionalgemeinde sein soll und vor allem, was sie nicht ist: kein bloßer Kooperationsraum und kein Sparinstrument, sondern ein echter Gestaltungsraum, „ein Netzwerk kirchlicher Orte und vielfältiger Formen von Gemeinde”. Den ehrlichen Befund von minus fünfzig Prozent bei Personal, Geld, Gebäuden und Mitgliedern brachte er auf eine Alternative: „Transformation by disaster oder Transformation by design.” Auch er landete bei der Haltung des Vortags: Abschied vom Kirchturmdenken, erst in Beziehungen und Vertrauen investieren, dann in Struktur.


Seinen strategischen Ausblick schloss Wolf mit Karl Barth. Jeder Schritt in die Zukunft sei ein Risiko, und es brauche „Mut, verbunden mit der vollkommensten Demut”. Es war dasselbe Wort, mit dem schon die Morgenandacht geendet hatte.
Bewusst setzte die Konferenz dabei auf die Gedanken und Ideen aus den Gemeinden, um gemeinsam Strategien für eine missionale Kirche zu entwickeln. So blieben die Teilnehmenden nicht in der Zuhörerrolle. In drei Runden zu je zwölf Minuten sammelten sie an Tischen Fragen, Anmerkungen und Ideen auf Flipcharts. Diese landen nicht im Archiv, sondern gehen mit Michael Wolf direkt in die Klausur des Landeskirchenrates, die am Tag darauf beginnt. In einer letzten Runde markierten alle die Beiträge, die ihnen am wichtigsten waren, und die meistgenannten kamen ins Plenum. Was Kutsche tags zuvor gefordert hatte, geschah hier im Kleinen: Innovation von unten und Entscheidung von oben griffen ineinander.


In der Feedbackrunde zeigte sich: Viele erlebten die Konferenz als aufbauenden Ort, der sie inspiriert und ermutigt nach Hause gehen ließ. Offene Fragen blieben, verbunden mit der Hoffnung, an ihnen dranzubleiben und sie gemeinsam mit anderen zu lösen.
Über beide Tage trafen sich Andacht und Analyse in einem Bild: Kirche kommt nur dorthin, wo sie hinwill, wenn sie bereit ist, nasse Füße zu riskieren.