Ein langer Atem für kurze Wunder

Einmal im Jahr fahren die Referent:innen der Geschäftsstelle in der Evangelischen Jugend in Bayern gemeinsam auf Klausur. Dabei suchten sie zwischen spirituellen Impulsen nach gelingenden Wegen der Zusammenarbeit, passenden Strukturen und nach dem, was trägt. Ein Rückblick.
Bild
Klausur ejb Referent:innen

Vom 14. bis 16. Juli 2026 war das 20-köpfige Team im Haus Lutherrose in Neuendettelsau zu Gast. Zwischen zwei Polen bewegten sich die Tage: hier eine geistliche Quelle, dort sehr konkrete Fragen nach Struktur und Finanzierung.

Den Auftakt bildete ein Gottesdienst, der sich von der irisch-keltischen Mönchsbewegung und der Iona Community inspirieren ließ. In Kleingruppen gingen die Referent:innen anschließend einzelnen Aussagen dieser Tradition nach, die weit über Organisatorisches hinausreichen: Brauche ich tausend Kontakte, oder genügt mir eine kleine Gemeinschaft, auf die ich mich verlassen kann? Und was setze ich als Christ:in einer Welt entgegen, in der sich vieles um Funktionalität, Geschwindigkeit und Wirtschaftlichkeit dreht?

Immer wieder ging es dabei um ein positiveres Bild vom Menschen: um einen Jesus, der nicht die Schuld in den Mittelpunkt stellt, sondern Tod und Angst überwindet und den Menschen dasselbe zutraut; um Gott, der in der Schöpfung und im Lachen von Kindern zu entdecken ist; um das Segnen, dessen Kraft man oft erst im Nachhinein bemerkt; und um Gastfreundschaft und Gerechtigkeit. Besonders lange nachgewirkt hat eine Aussage zu flachen Hierarchien und Frauen in Leitung, und mit ihr die Unterscheidung zwischen Macht, die man erwerben kann, und Autorität, die man hat.

Von dieser geistlichen Standortbestimmung führte der Weg zu den Zahlen. Ehrlich blickte das Team auf schrumpfende Mittel und darauf, dass kirchliche Arbeit in vielen Bereichen deutlich ehrenamtlicher aufgestellt werden muss. Zugleich war allen klar, dass es nicht reicht, den Ehrenamtlichen zu sagen: macht das einfach. Wie sich gute Begleitung gestalten lässt, blieb eine offene und zentrale Frage des ersten Tages.

Der zweite Tag begann mit einer Seifenblase. In der Andacht wurde sie allein durch ein wenig Luft zum Leben erweckt, stieg auf und zerplatzte, ein kurzes Wunder, das jedes Kind kennt und von dem als Erwachsene:r oft nichts übrig bleibt. Und ist die Dose leer, mischt man sich aus Spülmittel und Wasser eben eine neue Lauge an, wie eine kleine Chemiker:in. Das Bild führte mitten in die Frage, um die bei dieser Klausur gerungen wurde: Wie geht Zukunft, wenn die Mittel knapper werden? Die Andacht gab schon eine Antwort und stellte einen Vers aus dem 2. Timotheusbrief in die Mitte (1,7): Nicht ein Geist der Furcht sei den Menschen gegeben, sondern Kraft, Liebe und Besonnenheit. Kraft, um die Lage zu meistern, Liebe, um einander in aller Unterschiedlichkeit zu verstehen, Besonnenheit, um gut zu entscheiden. Für eine Seifenblase genügt wenig Puste. Für Veränderung braucht es einen langen Atem, und wenn die eigene Kraft erlahmt, hat gerade jemand anderes mehr davon.

Angesichts der bevorstehenden Fusion mit dem Gottesdienst-Institut stellte dessen Leiter Dr. Stefan Gehrig den bisherigen Arbeitsbereich „Kirche mit Kindern" vor. Die Klausur fragte, wie die Arbeit mit Kindern und Familien künftig gut verankert werden kann und wie sie mit der bestehenden Jugend- und Konfirmandenarbeit zusammenspielt.

Auch ihre eigene Aufstellung nahmen die Referent:innen in den Blick. Aktuell sind sie in zwei Teams organisiert, EJB vor Ort und EJB Landesverband. Auf der Klausur erarbeiteten sie einen Vorschlag, der beide zu einem Team zusammenführt. Eine Beratung und Entscheidung dazu steht in der entsprechenden Steuerungsgruppe noch aus.

Am letzten Morgen, während „Irgendwas bleibt" aus den Lautsprechern lief, stellte die Abschlussandacht die einfachste und zugleich größte Frage: Was bleibt? Was bleibt von einem Jahr, von einer Begegnung, von einer Sitzung, von Kirche? Die Losung des Tages aus Psalm 46 gab die Richtung vor: Nicht Pläne, Sicherheiten oder Konzepte tragen mitten in der Veränderung, sondern Gott, „unsere Zuversicht und Stärke". Der Predigttext führte ans Kreuz, wo Jesus keine Strategie entwirft und kein Zukunftspapier schreibt, sondern sieht: seine Mutter, den Jünger, und die beiden verbindet. Mitten im Zerbruch stiftet er Beziehung.

Vielleicht ist das Gottes Antwort auf Veränderung, so die Andacht: nicht alles festhalten, sondern Menschen, nicht zuerst Strukturen sichern, sondern Hoffnung weitergeben. In zehn Jahren, hieß es, würden sich wohl wenige an die Strukturen dieser Jahre erinnern, aber vielleicht daran, dass da ein Team war, das einander zugehört, einander etwas zugetraut und in schwierigen Zeiten zusammengehalten hat. Denn Menschen erinnern sich nicht an Konzepte, sondern an Wirkung, an Beziehungen, an einen Blick, der sagt: Ich sehe dich. „Der Mensch wird am Du zum Ich", hatte der Philosoph Martin Buber geschrieben.

Was von der Klausur bleibt, sind deshalb neben den Entscheidungen und den Themen, die sich das Team für das kommende Jahr vorgenommen hat, vor allem solche Momente. Passend dazu lief zum Schluss „Gut genug", der Song, der mit seinem Refrain „Du bist gut genug" gerade durch die sozialen Netzwerke geht und es als einer der ganz wenigen deutschsprachigen Titel überhaupt in die US-Charts geschafft hat: eine tröstliche Zusage in Zeiten des Optimierungswahns. Damit schließt sich auch der Bogen zur Seifenblase des zweiten Tages. Von ihr selbst bleibt nichts übrig. Was bleibt, ist die Freude derer, die sie miteinander haben steigen lassen.