Einsamkeit: auch junge Menschen betroffen

Rund ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland fühlt sich einsam – und Jugendliche sind besonders stark betroffen. Was steckt dahinter? Und was können Erwachsene, Gemeinden und die Gesellschaft tun? Referentin Victoria Altschäffel erklärt im Interview, warum die Jugendphase besonders verletzlich ist, welche Rolle Social Media dabei spielt – und warum Einsamkeit und Demokratieskepsis enger zusammenhängen, als man denkt.
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Agnes Krafft interviewt Viktoria Altschäffel, beide stehen am Moderationstisch, im Hintergrund ist ein Fernseher im Studio zu sehen
Moderatorin Agnes Krafft interviewt Jugendreferentin Viktoria Altschäffel für das Magazin "Lebensformen"

Ansprechperson

Agnes Krafft (Moderatorin): Frau Altschäffel, Sie sind Referentin bei der Evangelischen Jugend in Bayern. Sie haben viel mit jungen Menschen zu tun. Auch junge Menschen sind immer häufiger von Einsamkeit betroffen. Ist das ein neues Phänomen?

Victoria Altschäffel: Ja und nein. Einsamkeit an sich ist kein neues Phänomen. Neu sind die Intensität und die Zahl der jungen Menschen, die sich als einsam bezeichnen. Wir haben das in der Pandemie gesehen, da sind die Einsamkeitszahlen aller Generationen nach oben gegangen. Nach den Lockdowns sanken die Zahlen bei allen Gruppen – nur nicht bei den Jugendlichen. Ihr Niveau ist deutlich höher als vor der Pandemie – und ist so geblieben. In der Jugendarbeit merken wir das: Es gibt deutlich mehr Selbstzweifel bei jungen Menschen. Das geht oft einher mit Rückzug und wachsendem Bedarf an seelsorgerlicher Begleitung – vor allem bei der Frage: Wie gestalte ich Beziehungen?

Krafft: Haben Sie denn eine Erklärung dafür, warum gerade die junge Gruppe da eben zahlenmäßig nicht wieder auf den Vor-Corona-Stand gegangen ist? Also warum fühlen sich denn Jugendliche nach wie vor so einsam?

Altschäffel: Es gibt verschiedene Erklärungen. Die überzeugendste für mich: Die Jugendphase ist eine besonders empfindliche Lebensphase. Jugendliche müssen in dieser Zeit viele Entwicklungsaufgaben bewältigen: Identität bilden, Freundschaften gestalten, das eigene Leben organisieren. Das gelingt nur im Austausch mit Gleichaltrigen, der Peer Group. Genau dieser Austausch fiel im Lockdown weg. Der gesamte Ausprobierraum war plötzlich digitalisiert. Solche Entwicklungsschritte lassen sich kaum nachholen. Die Jugendarbeit sucht nun nach Wegen, diesen Verlust zumindest teilweise aufzufangen.

Krafft: Welche Rolle spielen Digitalisierung und Social Media bei der Einsamkeit junger Menschen?

Altschäffel: Social Media ist Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite lockt es mit Suchtpotenzial: passivem Konsum und ständigem Vergleichen. Auf der anderen Seite bietet der digitale Raum gerade marginalisierten Gruppen – zum Beispiel queeren Jugendlichen, die in ihrer Umgebung niemanden kennen, der so ist wie sie – die Möglichkeit, sich auszutauschen. Das Digitale kann also sowohl Ursache von Einsamkeit als auch ein Weg heraus sein.

Krafft: Was bietet die Evangelische Jugend Bayern Jugendlichen, die sich einsam fühlen?

Altschäffel: Wir schaffen niedrigschwellige Begegnungsräume: offene Jugendtreffs, wo junge Menschen einfach vorbeikommen und sie selbst sein können. Darüber hinaus machen wir Partizipation erlebbar. Die Evangelische Jugend wird von Gremien geleitet, die mit Jugendlichen besetzt sind. Junge Menschen erleben: Ihre Stimme zählt. Sie gestalten. Das ist eine der größten Stärken der Jugendarbeit.

Krafft: Ein einsamer Jugendlicher bittet selten offen um Hilfe. Woran erkenne ich als Erwachsener, dass sich ein junger Mensch einsam fühlt – und was kann ich tun?

Altschäffel: Es gibt verschiedene Signale – und es ist wichtig, stets den Kontext im Blick zu behalten. Ein einzelnes Signal bedeutet nicht automatisch Einsamkeit. Typische Hinweise sind: Rückzug aus Aktivitäten und dem Freundeskreis, häufigere Traurigkeit, veränderte Kommunikation – wenn junge Menschen weniger erzählen, wie es ihnen geht, und immer stiller werden. In ausgeprägten Fällen kommen auch körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen hinzu. Der wichtigste Schritt als Erwachsener: offen das Gespräch suchen. Zeigen, dass man zuhört. Interesse zeigen. Einfach fragen: Wie geht es dir? Denn junge Menschen brauchen das Gefühl, gesehen und ernst genommen zu werden. Danach kann man gemeinsame Aktivitäten suchen oder helfen, soziale Kontakte aufzubauen.

Dabei gilt: immer gemeinsam mit dem jungen Menschen – nicht über seinen Kopf hinweg. Ein Sportverein oder eine Jugendgruppe kann ein guter Anfang sein.

Krafft: Was muss sich strukturell verändern, damit sich Jugendliche weniger einsam fühlen?

Altschäffel: Entscheidend sind stabile Strukturen in der Jugendarbeit – in Jugendverbänden wie in der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Dafür braucht es verlässliche finanzielle und personelle Ressourcen. Ebenso wichtig sind physische Begegnungsräume in Kommunen: der Skatepark, der Fußballplatz, Orte, an denen sich junge Menschen treffen und mitgestalten können. Begegnungsräume schaffen und Mitbestimmung ermöglichen – da können wir als Gesellschaft noch besser werden.

Krafft: Es gibt ja auch einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Demokratieskepsis bei Jugendlichen. Wie erklärt sich diese Verbindung?

Altschäffel: Das klingt zunächst widersprüchlich, ist es aber nicht. Demokratie lebt vom Wir-Gefühl: Wir sind eine Gesellschaft, wir gestalten unser Zusammenleben gemeinsam. Wer dieses Gefühl der Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit nicht kennt, dem bleibt Demokratie abstrakt und wenig wertvoll. Genau das nutzen manche Strömungen aus – als Einfallstor für Verschwörungserzählungen. Mehrere Studien belegen diesen Zusammenhang.

Krafft: Wohin kann sich ein junger Mensch wenden, der Hilfe braucht?

Altschäffel: Konkrete Anlaufstellen gibt es viele: die Nummer gegen Kummer oder krisenchat.de, wo man rund um die Uhr chatten kann. In der Schule sind Vertrauenslehrer und Schulsozialarbeiter*innen ansprechbar. Wer das Gefühl hat, das reicht nicht, findet auch psychosoziale oder psychotherapeutische Unterstützung.

Krafft: Und wo kann man sich über die Angebote der Evangelischen Jugend Bayern informieren?

Altschäffel: Auf Instagram unter @ejbayern oder auf ejb.de. Dort sind auch alle Landesverbände aufgeführt. Alternativ einfach in der eigenen Kirchengemeinde nachfragen.

Krafft: Frau Altschäffel, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute.

Altschäffel: Danke Ihnen auch.